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Mittwoch, März 26, 2008

Tied To The 90's

Ein Zeitalter wird besichtigt: Jenes Jahrzehnt, in dem ein Großteil der die Goldkante regelmäßig Besuchenden noch nicht zu alt für Rave-Partys war, erfährt seine längst überfällige Würdigung. DJ Zisco wirft den Blick zurück und stellt den Filter seiner Brille auf „Pop“: Dabei kommt dann Naheliegendes ins Sichtfeld, etwa Travis, Portishead oder Everything But The Girl, aber auch weiter Entferntes, wie Ani DiFranco oder Smoke City. Man darf mit nostalgisch verklärten Gesichtern rechnen, nicht jedoch mit Holzfäller-Grunge oder Titten-Techno. Auch die Freunde der Musik von Damon Albarn könnten an dem Abend eine Enttäuschung erleben. In den 90ern gab es nun mal musikalische Phänomene, deren Erkundung anderen Veranstaltungen und in der Materie beschlagenen Kompilatoren vorbehalten bleiben sollte. Ansonsten gilt aber das Motto der Love Parade 1994: „The Spirit Makes You Move“.

Freitag, 11. April 2008
Goldkante
Herner Str.13, Bochum
Ab 21:30 Uhr

Sonntag, November 18, 2007

Portishead - Dummy (1994)

Halbzeit bei „Tied To The 90’s“: Irgendwann 1994 zu Besuch in fremden Wohnzimmern. Mein Gastgeber meinte es gut mit mir, als er mir „Dummy“ vorspielte. Kennst Du das noch nicht? Ist doch gerade in aller Munde. Ne, kannte ich noch nicht. Wie ein ungestümer Hund an der Leine zog die Musik sogleich an meiner Aufmerksamkeit. Unser Gespräch war unwichtig geworden, und ich empfand das Mitteilungssbedürfnis meines Gegenübers eher als lästig, weil es mich vom Hören ablenkte. Es hat etwas Beunruhigendes, aber auch Tröstliches, dass Musik mitunter mehr wiegt als ein Mensch.

Sampling ist eine nicht zu unterschätzende Kunst. Man mag meinen, jeder Trottel wäre dazu in der Lage, doch nur wenigen gelingt es, aus Schnipseln etwas zu erschaffen, das über die Summe der einzelnen Teile hinausweist. Portishead zeigen dieses Können ein ganzes Album lang. Jagen spukende Geister durch „Mysterons“, bauen Kulissen für Gangsterfilme in „Sour Times“ oder haben in „Wandering Star“ für die Vergänglichkeit der Liebe nur ein trauriges Scratchen übrig. Am deutlichsten zeigt sich die Stärke der Neuformulierungen im direkten Vergleich, und zwar in der Bearbeitung von „Ike’s Rap“: Tricky macht aus dem Sample nichts Zwingendes, spricht ein paar Lyrics drüber, lässt aber ansonsten alles wie er es vorfindet (auf „Maxinquaye“); Portishead setzen es dagegen als Fundament für Beth Gibbons' inständiges Pochen auf die Einlösung des Fraulichen ein („Glory Box“). Wenn man sich im Jahre 2007 also ein neues Album aus South West England wünscht, sollte man seine Hoffnungen in die richtige Stadt tragen.

Mein Lieblingsstück auf „Dummy“ ist übrigens „Roads“. Beth Gibbons in dem Live-Video dazu zu sehen, weckt Erinnerungen an das Portishead-Konzert in Düsseldorf Anno 98. Die halbe Million Klicks bei Youtube beweisen, dass ich nicht der einzige bin, dem es gefällt. Und das vorschnelle Grölen aus dem Publikum beweist, dass es am Ende immer jemanden geben wird, der nicht die Klappe halten kann, wenn andere lieber der Musik lauschen wollen.


Freitag, August 10, 2007

The Afghan Whigs – Gentlemen (1993)

Hier also, in dem Land, von dem Du glaubtest, es kenne keine gute Musik, liefen im TV, viel zu spät, immer wieder dieselben drei Videos. Eines hieß „Disarm“, das andere hast Du vergessen, das dritte war „Debonair“ von den Afghan Whigs. Wie oft hast Du ihr, in der Via Santa Maria, im Geiste diese Worte vorgesungen:

Hear me now and don't forget
I'm not the man my actions would suggest
A little boy, I'm tied to you
I fell apart
That's what I always do

Und Dich aber tatsächlich nie getraut. Du feiger Hund in love hast Dich lieber lächerlich gemacht und Dich im Dreck aus Selbstmitleid gewälzt. Aber immerhin, da war die Musik, wenn Du entlang der schiefen Schatten um den Turm gestreunt bist oder Deine verzweifelte Lache von der Brücke auf die Züge sprang. „'Cause it don't bleed and it don't breathe / It's locked its jaws and now it's swallowing / It's in our heart / It's in our head / It's in our love / Baby it's in our bed”. Die Seuche griff gnadenlos um sich, alles war von deinen kranken Gefühlen befallen. Aber, da war die Musik, das einzige, was noch etwas zählte und so sehr du sie auch bespucktest, sie war immun gegen jede Attacke, sie dröhnte groß und mächtig über die Piazze, über die Corsi, bis in die kleinsten Vicoli war sie zu hören und wenn dir auch sonst nichts von jenen Tagen geblieben ist, so doch die Erinnerung an deinen Daumen, wie er auf Play drückte, damit du den Text von „If I Were Going“ auswendig lerntest, damit dir was zu sagen blieb, wenn du dir selbst beim Gang zu den eignen Worten mal wieder im Wege stehen solltest. Und wenn auch das nichts half, dann skipptest du eben vor bis zum letzten Lied, dem Schlussgebet ohne Worte, das hatte keine Worte, das brauchte keine Worte. Es war nur Musik.

Montag, Juli 02, 2007

Arrested Development – 3 Years, 5 Months And 2 Days In The Life Of…(1992)

Zugegeben, diesmal habe ich mich sehr schwer getan. Aus der Rückschau, dieser ständig in Richtung Erkenntnisgewinn rückenden Beobachterposition, fallen mir mindestens 5 andere Alben ein, die ich genauso gut (oder vielleicht sogar noch eher) zum „Album des Jahres 1992“ hätte küren können. Doch wenn ich mein Ich von vor 15 Jahren befrage, wenn ich wissen will, was es damals ständig, ja über die Grenzen des Erträglichen hinaus gehört und für eine Offenbarung gehalten hat, dann kann es nur eine Antwort geben: „3 Years, 5 Months And 2 Days In The Life Of…“ Die „D.A.I.S.Y. Age“ von De La Soul lag da bereits einige Jahre zurück und war das letzte, was mich jenseits vom Schwere-Hoden-Hip-Hop beeindrucken konnte. Dann kam erst einmal eine ganze Weile nichts, bis da auf einmal diese zunächst etwas suspekt wirkende Hippie-Hop- Kommune auftaucht, was von Spirit und Politics erzählt und obendrein „Alphabet St.“, Sly Stone, Minne Riperton und den ollen Dylan samplet. Da konnte entweder nur grober Unfug oder was Verrückt-Geniales bei rauskommen. Ich entscheide mich für letzteres und merke beim Hören, wie mich „Mama’s Always On Stage“ oder „Fishin“ 4 Religion“ immer noch begeistern und dass ich „People Everyday“ oder „Tennessee eigentlich mal wieder zum Auflegen einpacken könnte. Schließlich erinnere ich mich auch daran, was für ein bewegendes Liebeslied „Natural“ ist. Neben den großen Hits ging es damals leider etwas unter, aber mit seiner warmen Earth Wind & Fire-Dramatik hat es mich immerhin mit einem neuen Genre, dem der „Tanz-Ballade“, bekannt gemacht. Und Earth Wind & Fire überhaupt erst nahe gebracht. Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden. Offizielle Seite und Myspace nicht vergessen.

Mittwoch, Mai 30, 2007

Massive Attack - Blue Lines (1991)

Ich schicke voraus, dass ich diese Platte erst ein Jahr nach ihrem Erscheinen entdeckt habe. 1992 – eine Zeit, in der ich noch von einem Werdegang auf den Spuren von John Peel und Alan Bangs träumte und in meiner Geburtsstadt Radiosendungen mit ulkigen Titeln produzierte. Als es zu irgendeiner dieser Sendungen mal wieder um die Musikauswahl ging, warf irgendjemand „Blue Lines“ von Massive Attack auf den Tisch. Das nüchterne Cover-Design weckte meine Neugier auf diese mir bis dato völlig unbekannte Band, also rein damit in den CD-Player. Was dann passierte, hat vielleicht nicht mein Leben verändert, aber tiefe Abdrücke hinterlassen, die heute noch zu sehen sind. Mir hat nicht so sehr die Musik an sich den Atem geraubt – die ich beim ersten Hören ohnehin nicht in ihrer gesamten Kraft verstanden habe –, sondern die Ungeheuerlichkeit, dass hier etwas geschaffen wurde, das es eigentlich nicht geben konnte. Die drei vier Musik-Seelen, die bis zu jenem Moment autark in meiner Brust schlugen, hatten sich auf dieser Platte heimlich getroffen, um gemeinsam einen neuen Sound zu erfinden. Ein Sound, der für meinen kompletten damaligen Klang-Kosmos, für charmenten Pop, krude Samples, ruppigen Rap und William DeVaughn gleichermaßen Platz hatte. Der Emotionen einzufangen verstand, von deren Existenz mir vorher niemand etwas berichtet hatte. Da gab es düstere Geborgenheit (Safe From Harm), gelangweilte Liebesschwere (One Love) und eines der besten Cover aller Zeiten und der nächsten 63 Äonen (Be Thankful For What You’ve Got – Und jetzt alle: Diamond in the back, sunroof top / Diggin' the scene with a gangsta lean). Über „Unfinished Sympathy“ haben sich vermutlich schon Myriaden von Musikjournalisten die Finger wund geschrieben. Wohl, weil auch hier mit lässiger Geste scheinbar gegensätzliche Bewegungen in eine Richtung gelenkt werden und ein warmer Streicher-Teppich sicher die auf ihm herumzappelnden Rhythmen übers Arrangement trägt. Für mich ist „Unfinished Sympathy“ übrigens undenkbar ohne den schnittlosen Übergang ins massige „Daydreaming“, so wie es als symbiotisches Ganzes auch untrennbar zum schnittlosen Video gehört. Bitte einmal klicken und ausgiebig seiner Schönheit huldigen.

Samstag, Mai 05, 2007

World Party - Goodbye Jumbo (1990)

Mit dieser Platte fingen für mich die 90er an. Ich meine das völlig ernst. Nicht ein Erinnerungsversatzstück aus der eigenen Biographie, nicht irgendeine Abi-Anekdote, ja nicht einmal ein Mädchen steht am Anfang jenes Jahrzehnts. Es war diese Platte. Die erste, die mir seinerzeit wirklich etwas bedeutet hat. „World Party“ hieß das Soloprojekt von Karl Wallinger, auf das ich nur deswegen gestoßen bin, weil ich mit 18/19 noch ein kleines bisschen Hippie war und die Waterboys sehr mochte. „When The Rainbow Comes“ lief in irgendeiner 90er-Nacht im Radio – das erste Stück, das von „Goodbye Jumbo“ an mein Ohr drang (seither haben Lieder, die eingefadet werden, bekanntlich bei mir einen Stein im Brett). Sollte ich in diesem Leben noch mal eine Radiosendung produzieren, so werde ich „When The Rainbow Comes“ in Dauerrotation spielen. Am liebsten würde ich ja jeden, der das hier liest ans Bett fesseln und vor die Wahl stellen entweder sofort Sex mit mir zu haben oder sich fünfmal hintereinander „When The Rainbow Comes“ anzuhören. Zumindest letzteres würde er nicht bereuen (warum schreibe ich hier eigentlich immer „er“?). Wobei ich in meiner Schwärmerei mal wieder ungerecht urteile, denn jedes einzelne Stück auf „Goodbye Jumbo“ ist ein Ereignis (dies scheint mit den 90ern verloren gegangen: allein schon „Album“ als Konzept wirkt nunmehr obsolet, ganz zu schweigen von dem Anspruch, sich mit ausnahmslos jedem Song der Ewigkeit empfehlen zu wollen – der Popsong im Zeitalter seiner uneingeschränkten Verfügbarkeit). Der fiebrige Einstieg mit „Is It Too Late?“, die Riesenhits und Urahnen des Brit-Pops „Way Down Now“ und „Put The Message In The Box“, das in anmutiger Larmoyanz zerfließende „Ain’t Gonna Come Til I’m Ready“ oder die tatsächlich etwas hippieske Hymnik von „Take It Up“. Jeder Track ein Volltreffer! Ach ja, wer glaubt, er hätte noch nie was von Karl Wallinger gehört, der durchforste mal die heimische Sammlung nach Robbies „She’s The One“. Im Original auf World Partys „Egyptology“ zu finden. Und wer sich jetzt nicht sofort nach „Goodbye Jumbo“ die Finger wundgoogelt, wikipediert oder soulseekt, bis die Polizei kommt, der soll auf ewig verflucht sein und bis zum Ende aller Tage nur noch Platten von Damon Albarn vorgespielt bekommen.

Dienstag, April 17, 2007

Tied To The 90's

Um die Guten-Seite nicht völlig zu vernachlässigen und um mich selber unter Schreibdruck zu setzen, kündige ich hiermit die Einführung der neuen Rubrik "Tied To The 90's" an. Darin werde ich in unregelmäßigen Abständen (ha ha, der eigenen Faulheit also doch noch ein Hintertürchen aufgelassen!) die zehn besten Alben der 90er vorstellen. Also von 1990 bis 1999 nur die Guten. Oder so ähnlich. Ich weiß übrigens selber noch nicht so genau, welche Alben das eigentlich sein sollen. Muss ich mir mal Gedanken zu machen. Das Album des Jahres 1990 hab ich aber schon, lasst Euch überraschen. Derweil könnte Frl. W. hier ja mal wieder was schreiben.