Forever In My Life - Live
Und hier wie versprochen mein ganz persönlicher Blick auf einen Höhepunkt vom letzten Montag in Berlin. Prince singt "Forever In My Life" als hätten wir Sommer 1987. La Da Da Da Da Da Da Da...
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Und hier wie versprochen mein ganz persönlicher Blick auf einen Höhepunkt vom letzten Montag in Berlin. Prince singt "Forever In My Life" als hätten wir Sommer 1987. La Da Da Da Da Da Da Da...
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Steven Bascom
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12:48 AM
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Labels: Konzerte, Paisley Park
Ich wollte ja erst gar nicht hin. Zu teuer erschien mir die ganze Unternehmung (Ticket, Anreise, usw.), zudem hatte sich meine Leidenschaft für die Musik des Prinzen aufgrund seiner zuletzt mediokren Platten mit unansehnlicher Cover-Gestaltung und meiner immer größeren Abstand aufbauenden musikalischen Fortbewegung in andere Richtungen deutlich abgekühlt. Doch dann wurde mir über ein paar Ecken eine Karte zu einem guten Kurs angeboten – und da stand ich also am 05. Juli 2010 im Block H der Berliner Waldbühne. „Adolfs Amphitheater“ kam mir in den Sinn, und trotz der Ankündigung als einziges Konzert in Deutschland waren einige Reihen licht. Immerhin hatte man von wirklich jedem Platz aus gute Sicht. Kurz vor 20 Uhr ging es los. Ich habe mittlerweile aufgehört mich dafür zu interessieren, mit welchen Musikern Prince sich gerade umgibt, also kann ich den lustigen Lakeien mit der Mundharmonika, welcher eine skurrile Konzerteröffnung abgab, nicht namentlich benennen. Der erste eigentliche Prince-Song war jedenfalls „Venus De Milo“, eine große Überraschung, auf die leider erst mal keine mehr folgen sollte: Let's Go Crazy, 1999, Little Red Corvette, hier war nun mal mit vielen Hits zu rechnen, aber ich mag das alles live nicht mehr hören. Nachdem die ersten Party-Raketen abgefeuert waren, geschah etwas Unerwartetes: Die rigide Platzzuweisung wurde aufgehoben, die Massen strömten nach unten, also nutzte auch ich die Gunst des Augenblicks, ein Sprung über die Mauer, ein paar Sätze die Treppe runter und schon stand ich wenige Reihen von der Bühne entfernt. So nah am Geschehen wurde ich gleich besser mitgenommen: die großen Gesten, das kalkulierte Entertainment, sie packten mich und ließen auch meine Arme in die Luft fliegen. Prince ist und bleibt nun mal einer der besten und mitreißendsten Live-Entertainer des Planeten – und nach Michael Jacksons Ableben ist er wohl der einzige, der pure Selbstreferenz zelebrieren kann, ohne dass es peinlich wirkt. Spätestens ab „Ol’Skool Company“ gab es für mich jedenfalls kein Halten mehr, ich hüpfte wie Prince und Sheila E. auf imaginären Bettenburgen und freute mich besonders über einen aufgepimpten Klassiker: Kiss! Ein Song, der live schwierig umzusetzen ist, dabei nie so richtig funktionierte, an diesem Abend aber dank Frischzellenkur im Arrangement neu erstarkte. Mit solch schönen neuen Kleidern lass ich mich auch von den alten Schabracken gerne verführen. Dass Sprechchöre aus dem Publikum dann „Purple Rain“ einforderten und Prince es auch noch spielte, ach, das war okay, er hatte mich zuvor mit der Wiederentdeckung einer alten Liebe milde gestimmt: Forever In My Life. Mein Blick auf dieses wunderschöne Liebeslied habe ich hier mal reingestellt (Anm. der Redaktion: Geduld bitte, ich muss das Video noch bearbeiten). Wenn ich ein Fazit ziehen soll: Ein sehr schöner Konzertabend, nicht so überwältigend wie die ONA-Auftritte vor 8 Jahren, dennoch voller Glückshormone aktivierender Impressionen. Ich bin nun auf das neue Album gespannt. Und hey Prince, wenn Du mal für Deine Platten ein cooles Cover statt dieser hässlichen Air-Brush-Bumsbuden-Zeichnungen, die wohl leider auch „20ten“ verschandeln wird, verwenden möchtest, dann sprich mich doch einfach an. Ich könnte da durchaus jemanden vermitteln.
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Steven Bascom
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1:15 PM
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Fast acht Jahre ist es her, dass ich zuletzt auf einem Prince-Konzert war (für die Komplettisten: 27.10.2002, Arena Oberhausen). Nachdem ich schon versucht war, mir ein Ticket für Werchter zu kaufen, kam diese Meldung rein: "Prince kommt für ein einziges Deutschlandkonzert nach Berlin. Der exklusive Vorverkauf startet am morgigen Sonntag, 30.05., um 10 Uhr." Na ja, dass Prince nur für ein einziges Konzert nach Deutschland käme, hatte man schon 1988 behauptet, um möglichst viele Besucher ins Frankfurter Waldstadion zu locken. Ich bin seinerzeit drauf reingefallen, nur, um mir dann noch ein weiteres Ticket für Dortmund besorgen zu müssen. Auch diesmal werde ich sehenden Auges meine Risikobereitschaft in finanziellen Transaktionen unter Beweis stellen, wenn ich morgen früh wieder vor der Kiste sitze, um mir eine Karte zu sichern. Wer Lust darauf hat, schneller zu sein als ich, kann das hier probieren.
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Steven Bascom
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1:10 PM
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Wie oft habe ich Maximilian Hecker im Grend gesehen? Ich habe aufgehört zu zählen. Wieso gehe ich immer wieder zu seinen Konzerten? Ich habe aufgehört, mich das zu fragen. Eine mögliche Erklärung wäre: Hecker macht die schönste Mädchenmusik der Welt. Eine andere, weniger plausible, könnte sein: Der „neue Hecker“ trägt, wie er selbst sagt, Hugo-Boss-Unterhosen und rezitiert über den Beckmannschen Wichsfleck, gibt also keine schlechte Referenz für die eigene, altersbedingte Kauzigkeit ab. Zu seinem neuen Album (mit dem hochmütigen Titel „I Am Nothing But Emotion, No Human Being, No Son, Never Again Son“) habe ihn jedenfalls die Begegnung mit einer Tokioter Prostituierten inspiriert (ich sollte mal ausprobieren, ob ein Besuch in der hauseigenen Massagepraxis einen ähnlichen Kreativschub für die zuletzt nur noch vor sich hin vegetierende guten-Seite hätte). Ihr widmet der wunderliche Waldschrat die meisten Titel, singt mal mit Kopf- mal mit Bruststimme unendliche Variationen von Isolation, Einsamkeit, Verzweiflung und unerwiderter Liebe. Der neue Hecker ist also ganz der alte. Das Sinnstiftende dieser Konzerte im Grend besteht ohnehin darin, sich an lieb gewonnenen Ritualen zu erfreuen; hat doch ein Seufzer im Kollektiv weniger Widerhall als in den eigenen vier Wänden. Nach kaum einer Stunde geht Hecker von der Bühne. Er kennt die rechte Zeit. Junge, komm bald wieder.
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Steven Bascom
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8:05 PM
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Von Michigan in die große Stadt: Im Jahre 2004 kehrte Andrew Hoepfner seiner Heimat und dem Indiepopkollektiv Saturday Looks Good To Me den Rücken und machte sich auf nach New York. Hier rief er das Projekt Creaky Boards ins Leben, dessen aktuelles Werk nicht von ungefähr den Titel „Brooklyn Is Love“ trägt. Ein leichter Hang zu Broadway-Theatralik paart sich darauf mit eingängigen Schwoofpop-Melodien, 60er Jingle-Jangle und Beach-Boys inspiriertem Gesang. Nun tourt Andrew zusammen mit Creaky Boards wieder durch Europa. Und mit ihnen weht ein Hauch von großer Welt in die kleine Goldkante. Come to hear these Songs to remember! Präsentiert vom Team Red.
Montag, 02.02.2009
ab 2000 Uhr
Goldkante, Bochum
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Steven Bascom
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12:09 AM
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Keiner Geringeren als Robin Ruth Rauschenberg hat es die Welt (oder zumindest dieses Land) zu verdanken, dass Red Hunter aka Peter & The Wolf sein erstes Deutschland-Konzert in der Bochumer Goldkante geben wird. So kommet zu Hauf, damit ihr irgendwann mal euren Enkelkindern erzählen könnt, ihr habt Peter schon gesehen, als es ihn noch nicht bei Saturn zu kaufen gab.
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Steven Bascom
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10:00 PM
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Travis waren mal wichtig. Mit „The Man Who“ hatten Sie 1999 eine Platte allein für mich und mein Leben gemacht. So schien es mir zu jener Zeit zumindest, denn jedes Wort und jeder Ton in Liedern wie „Writing To Reach You“ oder „Driftwood“ traf einen Nerv in meiner damals unruhig vor sich her stolpernden Gemütslage. „The Invisible Band“ fand ich 2001 noch ganz hübsch, mit „12 Memories“ konnte ich jedoch gar nichts mehr anfangen und vom aktuellen Album wusste ich bis vor kurzem nicht einmal, dass es überhaupt erschienen war. Travis waren im Laufe der Zeit irgendwie egal geworden, viel zu sehr „Tied To The 90’s“ (ja, ich weiß, dass ich an der Rubrik mal weiterschreiben muss) und viel zu stark an Erlebnissen gebunden, mit denen ich längst abgeschlossen hatte, als dass sie noch aktuelle Relevanz für sich hätten beanspruchen können. Meine Erwartungen waren also nicht besonders hoch als mich ein Freund anrief und mir eine Karte fürs Travis-Konzert im E-Werk anbot, die er noch übrig hatte.
Ich wurde äußerst positiv überrascht. Nicht weil die neuen Songs mich überrollt hätten, sondern weil es einfach unmöglich ist, Travis schlecht zu finden: Selten so im allerbesten Sinne sympathische, spielfreudige und humorvolle Musiker gesehen. Gerade die Kategorie „Humor“ ist ja eine große Unbekannte bei den ansonsten bedeutungsschweren Gesten der The-Bands dieser Welt. Und ich würde freiwillig für den Rest meines Lebens Fran Healys spitze Kopfstimme in „Closer“ über mich ergehen lassen, wenn ich dafür nie wieder die Schwiegermutter-Beschwörungen von James Blunt hören müsste (an dieser Stelle gebe ich gerne zu, dass meine James-Blunt-Abneigung immer absurdere Züge annimmt). Außerdem hatten Travis einen lustigen schwedischen Gast-Pianisten namens Claus dabei, der von den noch lustigeren Fans frenetisch abgefeiert wurde. Scheint so ne Art Running-Gag auf Travis-Konzerten zu sein. Das Stadion-Geklatsche zwischendurch braucht natürlich kein Mensch und Travis sind jetzt auch nicht urplötzlich wieder Gott weiß wie wichtig geworden. Aber sie sind nicht mehr egal. In „The Boy With No Name“ werde ich jedenfalls mal reinhören.
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Steven Bascom
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12:25 PM
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Labels: Konzerte
November 1993 – Il duomo di Firenze. Oktober 2007 – Der Kölner Dom. Fast 14 Jahre zwischen zwei Konzerten, zwischen zwei sich aus dem Phlegma des Daseins erhebenden Monolithen. Zwei mal einfach losgefahren, ohne zu wissen, ob die Richtung stimmt. Beide Male sicher angekommen. Das Andenken daran für die Memoiren eines Herzblutenden aufbewahrt. Im Theater am Tanzbrunnen gediegenes Sitzen in zweiter Reihe. „What A Wonderful World“ zum pünktlichen Auftakt. Von der Bühne kommt kaum eine Begrüßung. Statt dessen Distanz elegant. Das Außen kehrt sich nach Innen. Was zählt sind kleine Gesten und sparsame Mimik, die erst nach und nach immer großzügigere Lächeln austeilt. Keine Faust, die sich reckt, keine Hand, die beschwört; dennoch wird jeder hier im Saal im Innersten berührt. Sylvians Stimme dringt an Orte vor, die selten zuvor ein Mensch gezeigt bekam. Unbeirrbar rüttelt sie am Ich, tritt Erschütterungen los und strömt als gleißendes Glück zurück an die brüchig gewordene Oberfläche. Es gibt noch Hoffnung, so lange ein einziges Musikstück ein halbes Leben in Frage stellen kann. There's a fire in the forest / It's taking down some trees / When things are overwhelming / I let them be / […] There is always sunshine / Far above the grey sky / I know that I will find it / Yes, I will try. Die Musiker, darunter Steve Jansen, spielen in punktgenauer Erhabenheit und unantastbarer Traurigkeit: Brilliant Trees, Ghosts, Every Colour You Are – die alten Bekannten von einst ins neue Licht gerückt, nur anhand der Worte wieder erkannt, während die neueren Nine-Horses-Stücke längst zu vertrauten Weggefährten geworden sind. Noch zwei stille Zugaben und ein ruhiges Lächeln. Wanderlust zum Schluss: And deliverance has many faces / But grace is an acquaintance of mine. Das ist die Freiheit, die! Ich! Meine!
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Steven Bascom
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9:47 PM
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Wo kommen all die grauen Herren her?
Ich schau nach vorne auf den Typ,
Er segnet und er kann nicht mehr
Wo ist der blonde Jochen ill?
Ich weiß nicht, warum ich lebe,
Nur, dass ich nicht pfeifen will.
Da steht er nun und sieht unten die Menschen
Und fragt sich wohl, was kann ich tun?
Ich kanns nicht fassen
Er kanns nicht lassen,
Noch auch die letzte Schrulle als ein Stück vom Selbst zu sehen.
Wo kommen all die lauten Gröler her?
Der ganze Mob dreht sich im Kreis
Ich seh mich um und will auch noch mehr
Wann geht die weiße Lampe an?
Arbeit morgen, Schlafengehen,
Mensch, Jochen! Das macht jetzt keinen Sinn!
Dann steh ich auf und gehe bald nach Hause
Und frage mich, was soll ich tun
Ich will mich hassen
Und kanns nicht lassen
In allen Blumfeld-Platten immer auch mich selbst zu sehen.
Sogar im Orangennetz hat es sich schon herumgesprochen: Prince wird 21 Nächte lang in London spielen. Sonst nirgends in Europa, jedenfalls nicht in diesem Jahr. Das ist dann bestimmt ein Rekord oder so und die wohl monozentristischste "Tour" aller Zeiten. Las Vegas oder London, Hauptsache Monetarien. Man mag sich (ein weiteres Mal) fragen, ob Prince nun komplett durchgedreht ist. Meiner Meinung nach hat er, im Gegenteil, mal wieder bewiesen, dass er ein cleverer Marketing-Fuchs ist, der sich effektvoll in Szene zu setzen weiß. Ich gehe aber trotzdem nicht hin, sondern rufe statt dessen an dieser Stelle zur ent-globalisierten Gegenoffensive auf: Unter dem Banner von "One Nite In Wattenscheid" mögen sich all jene eintragen, die Prince nicht in Britannien, sondern vor der eigenen Haustür sehen wollen. Sollten mehr als 3121 Unterschriften zusammenkommen, werde ich diese in Form einer Petition und mit breiter Rückendeckung von "Nur Die Guten" an den Meister persönlich weitergeben. Machen wir ihm also ein Angebot, das er nicht ablehnen kann! http://www.3121.com/
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Steven Bascom
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10:32 PM
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Die anfängliche Unentschlossenheit überwunden, das teure Ticket in der Tasche und dann doch wieder Skepsis beim Betreten des Yard Clubs. Denn die tollen Diven will niemand sehen. Vom E-Werk direkt in dieses kleine Kabuff verlegt, nicht einmal für die benachbarte Kantine haben die Ticketverkäufe gereicht. Noch tiefer werden die Furchen in meiner Stirn angesichts des aufgeschlagenen Publikums: Vor mir in vorderster Reihe ein Menorca-Urlaubspärchen, das locker als meine Eltern durchgehen würde. Ein Blick über die Reihen hinter mir bestätigt alle Befürchtungen: Wer hier hingekommen ist, hat „The Glamorous Life“ seinerzeit mit Mitte Zwanzig gekauft. Hör auf zu meckern, Don. Eng ist es hier und heiß. Um kurz nach 21 Uhr ebnet sich ein breitschultriger Security-Typ mit böse-einschüchterndem Bulldoggenblick den Weg durch die Menge bis zur Treppe, die auf die winzige Bühne führt. Die Diven müssen sich in Ermangelung eines Backstage-Raums ihren Weg von der Damentoilette durch die Menge bis zu ihren Instrumenten bahnen. Mit den alten Heldinnen auf Tuchfühlung. Rhonda Smith, Kat Dyson, Cassandra O’Neil und schließlich Sheila herself stellen sich in einer Reihe auf. Sheila ist zusammen mit ihrem Publikum sichtlich gealtert, kann sich aber immer noch ohne lächerlich zu wirken in einen atemberaubend knappen Rock zwängen. Sie schaut ein wenig schlecht gelaunt drein. Ein „Chronicles Of Every Diva“-Solo wird kurz angestimmt, dann macht Sheila das, was sie sicherlich am besten kann, sie setzt sich hinter ihr Schlagzeug und haut alles kurz und klein, was immer sich ihr aus der langen Geschichte von Soul, Latin und Funk in den Weg stellt. So drischt sie auf uns ein, wir wollen das so und freuen uns, dass wir nach der langen Zeit endlich mal wieder ordentlich verhauen werden. Die anderen Gespielinnen dürfen natürlich auch zeigen, was sie können, bekommen ausgiebige Soli, wobei jeder Griff und jede Note so tight sitzen wie die Strumpfhosen, die sie an den Beinen tragen. Größte Sensation des Abends ist zweifelsohne Special Guest Candy Dulfer. Ihr „Sax-A-Go-Go“ bringt die alternden Knochen im Saal zum klappern, dass es eine Wonne ist. Von nun an bleibt alles in Bewegung, ein Knüller folgt dem nächsten, auch die neuen Songs des noch nicht veröffentlichten COED-Albums überraschen positiv. Dann die Zugabe, auf die alle gewartet haben: The Glamorous Life mit einer Beserker-Sheila, die im stehen ihre Percussions malträtiert. Das war’s dann aber auch. Eineinhalb Stunden Konzert war mir viel zu kurz. Und auf Shakira nebenan in der Kantinen-Disco hatte ich keine Lust. Meine Hüften lügen nämlich nicht, sie schmerzen ein bisschen. Also ging es gleich heim mit der Hoffnung, bis zum nächsten Sheila-Konzert nicht noch einmal 18 Jahre warten zu müssen...
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Steven Bascom
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2:48 PM
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Reunion-Wahn auch im Prince-Camp. Ihr drittes Konzert in 20 Jahren geben "The Family", jene Band, für deren sagenumwobenes erstes und einziges Album man bei ebay astronomische Beträge zahlen muss (zumindest, wenn man die CD haben möchte) und die ich hier bereits mal, äh, erwähnt hatte. Ein Lied von The Family kennt jeder, der das hier liest: nämlich das Original von "Nothing Compares 2 U". Das "Family"-Album genießt in Fankreisen und inzwischen auch darüber hinaus einen etwas verklärten, aber irgendwie auch berechtigten Kultstatus, vermutlich, weil es besser ist, als vieles, was Prince selbst in letzter Zeit so zustande gebracht hat. Mir altem Sack ging jedenfalls ein kleines bisschen das Herz auf, als ich keinen geringeren als Questlove die einleitenden Worte zur Roots Jam Show sprechen sah und hörte. The Family will auch in Europa touren, ich werde da sein. Myspace
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Steven Bascom
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11:37 AM
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Freitagabend. Wahrscheinlich sind es mal wieder die Hormone, die mir zu schaffen machen: sensibel, empfindlich, gereizt. Irgendwann sitze ich in diesem Kinderkino im JZE und warte auf die Dinge, die da kommen. Zuerst kommen Wolke und ich werde ruhiger, lehne mich zurück und schließe die Augen. Ich liebe die Stimme vom Wolke-Sänger, aber sehe ich ihn da auf der Bühne stehen, muss ich lachen: Er ist immer gut gekleidet, ich möchte sagen lässig-elegant und wahrscheinlich in den angesagten Marken, aber er sieht dabei so unsicher aus, weiß manchmal nicht wohin mit seinen Händen und mit den Füßen, dabei ist die Musik so schön und würde für sich selbst sprechen, säße er einfach auf einem Hocker und ließe das Entertainen sein. Dennoch bin ich einmal mehr gerührt und dann holt er zunächst Herrn Aström auf die Bühne, der ihn bei der Queen-Adaption „Ich will mich befreien“ unterstützt, und später singt Frau Taylor mit ihm „Wir werden immer jünger“. Ich schmelze dahin. Nach einer kurzen Pause steigt Kristofer Aström mit seiner Gitarre auf die Bühne. Seine Lieder klingen ein bisschen nach weiten Landschaften, Wut, Trauer und Verzweiflung. Mein Englisch ist schlecht, aber manchmal erzählen einem auch die Töne, um was es geht. Ein paar ältere Sachen kenne ich und die lassen kleine Filme vor meinen Augen ablaufen, von Mixtapes und Autofahrten. Kristofer erzählt vom Trinken und ein Glas Wein steht immer griffbereit. Auch er bittet seine Kollegen Maria und Oliver zu sich auf die Bühne und ich seufze ergriffen.
Maria Taylor macht zusammen mit ihrem Bruder und einem anderen Herrn den Headliner des Abends und ich glaube, sie fühlt sich ein bisschen sicherer, wenn sie sich hinter ihrer Gitarre verstecken kann. Ihre Stimme ist wunderbar, klar und sicher und ihre Lieder süß, melancholisch und trotzdem bestimmt. Aber man muss zuhören und es braucht Ruhe für diese Musik, und ich bin dankbar für den Rahmen, den das Kinderkino im JZE dafür bietet.
Nach den Zugaben gibt es einen wundervollen Abschied: alle Musiker des Abends stehen gemeinsam auf der Bühne und interpretieren „Time after Time“. Dass sie den Text ablesen müssen, macht das ganze nur unterhaltsamer.
Ein sehr angenehmer Abend. Ich verlasse Essen beschwingt, zufrieden und glücklich. Was will man mehr?
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Anonym
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8:22 AM
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Sheila E. habe ich zuletzt auf der „Lovesexy“-Tour im September 1988 in der Dortmunder Westfalenhalle live spielen sehen. Am 14. März 2007 wird sie bei der Veranstaltung „Chronicles Of Every Diva“ im Kölner E-Werk auftreten. Allein die achtzehneinhalb Jahre Wartezeit wären ja Grund genug, da mal vorbeizuschauen. Und wenn man dann noch die Namen der anderen für den Abend angekündigten Diven liest – Cassandra O’Neal, Rhonda Smith oder, wow!, Candy Dulfer – so wäre man wohl schön blöd, wenn man sich diese vermutlich einmalige Gelegenheit entgehen lassen würde. Und doch zögere ich: 41,90 € ist ein stolzer Ticketpreis, den ich mir zurzeit eigentlich nicht leisten kann. Außerdem waren die letzten beiden Sheila-E.-Alben „Writes Of Passage“ und „Heaven“, mal ganz ehrlich, sterbenslangweilig (wenn ich noch ehrlicher sein soll, hatte bereits „Sex Cymbal“ anno 1990 nur wenige gute Momente zu bieten, aber das würde ich öffentlich niemals zugeben wollen). Läge meine Motivation zum Besuch des Konzertes also bloß in einem nostalgischen Festhalten an längst vergangene und seither tausendmal verklärte Glücksmomente? Oder darin, dass man als „Fan“ da einfach hinzugehen hat? Oder vielleicht in der Furcht, dass man sich im Nachhinein ärgert, wenn man es nicht tut? Ist es nicht ratsamer, das Geld zurückzuhalten und darauf zu hoffen, dass Prince himself seinen immer dürrer werdenden Hintern in diesem Leben doch noch mal aus Las Vegas rausbekommt und endlich wieder durch Europa tourt? Und sollte ich hier nicht lieber über Musik schreiben, die mich aktuell viel mehr interessiert und berührt?
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Steven Bascom
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3:23 AM
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R.I.P. James Brown
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Steven Bascom
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Aus einer (für diese Seite leicht überarbeiteten) Mail, die ich neulich an R.R.R. geschickt habe:
"Großartig - dieses Attribut gehört auch zum Phoenix-Konzert. Zunächst spielten ja die Fotos-Buben im Vorprogramm. Trotz kränkelndem Sänger durchaus unterhaltsam, aber es waren halt Buben. Ein schön durchmischtes Publikum passend zum 25-jährigen Zechen-Jubiläum. Eltern hafteten für ihre Vor-Abi-Kinder. Phoenix haben dann alles umgehauen, sehr rockig, noch druckvoller als auf der letzten Platte und dabei ungemein sympathisch. Auch die alten Songs im neuen Stachelpanzer. Als Zugabe ein äußerst charmanter Gruß an die Kollegen von Air. Schließlich ist der Sänger von der Bühne gesprungen und hat die begeisterte Menge erst ums Mikrokabel und dann um den kleinen Finger gewickelt. Alle waren völlig aus dem Häuschen. Habe ein paar Fotos gemacht, die müssen aber mal wieder erst entwickelt werden. Vielleicht gibt es auch noch einen ausführlichen Bericht auf meiner Blogseite, mal sehen..."
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Steven Bascom
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12:25 PM
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(Foto folgt auch hier, äh, demnächst) Century Of Song in der Jahrhunderthalle, 20. August 2006. Joe Henry hat bereits neun Alben veröffentlicht, ich hatte bis letzten Sonntag noch nie was von ihm gehört. Warum eigentlich nicht? Warum setze auch ich zu oft auf diejenigen, die am lautesten Schreien bzw. über die so laut geschrieen wird? Warum wundere ich mich dann immer wieder über langweiligen Lärm? Selber Schuld. In all dem Krach und der eigenen Bequemlichkeit geht jemand wie Joe Henry schnell unter, dabei ist es gerade sein herrlich unprätentiöses Auftreten, welches für ihn einnimmt. Seine Musik ist im besten Sinne des Wortes schnörkellos. Sie ist schwerblütig genug, um zu berühren und gewandt genug, um zu begeistern. Oft habe ich während seines Spiels den Kopf in den Nacken geworfen und mir von den zuneigungsvollen Tönen, die da von der Bühne kamen, das Kinn kraulen lassen. Das Publikum wurde ganz langsam, immer höher, auf einen Gipfel geführt, und dort angelangt bekam es dann eine überwältigende Interpretation von Gershwins „It Ain't Necessarily So“ geboten (Popsongs sind wie Prostituierte: Jeder, der genug zahlt, darf sich daran vergreifen. In einigen Fällen macht sie das nicht weniger einzigartig oder begehrenswert. Ich mag übrigens auch das Cover von Bronski Beat). Zum Abschied, wir waren wieder sicher im Tal angelangt, spielte Henry dann noch „Flag“ vom letzten Album „Tiny Voices“. Prädikat: unbedingt kaufen!
Als David Byrne dann auf die Bühne tritt, ist das erste, was A. zu mir sagt „Lichtgestalt“: das hellgraue Haar, der weiße Nadelstreifenanzug – um ihn herum leuchtet die Aura des Künstlers im Zeitalter seiner Unkompromittierbarkeit. Dass er recht ulkig auf der Bühne herumstakt, ist natürlich nur Show und soll den Zuschauer in die Irre führen. Es geht sofort standesgemäß zur Sache mit „Nothing But Flowers“, erst einmal nur mit schlanker Bandbegleitung. You got it, we got it. Unter dem Kronleuchter, im hinteren Teil der Bühne, warten die Duisburger Sinfoniker auf ihren Einsatz. Als der kommt, geht die Revue los, wobei die Elemente klassischer Musik in den Hintergrund geraten und eher so etwas wie ein folkiger Big-Band-Sound geschaffen wird, irgendwo zwischen Los Lobos und Las Vegas. Byrnes Lust an der eigenen Verspieltheit scheint keine Grenzen zu kennen: Eigenes folgt auf Giuseppe Verdi, Heads-Songs folgen auf Country-Klassiker (schön, dass dazu Joe Henry noch einmal auf die Bühne kommt). Die Würfel fallen immer wieder neu, man weiß nie, was als nächstes kommt. Warum auch, die Langeweile ist gerade woanders, das Publikum euphorisch. Es gibt eine Zugabe, noch ein paar Verbeugungen und dann ist er vorbei, der Abend, an dem alles gepasst hat. Vor allem das Gefühl, zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen zu sein. This Must Be The Place.
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Steven Bascom
um
6:14 PM
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(Foto folgt demnächst) Die nächste Altherrenveranstaltung. Der Altersdurchschnitt so um die Mitte vierzig. Bis kurz vor Konzertbeginn kann man sich mühelos in die erste Reihe mogeln. Neben mir zwei Damen weit über fünfzig, eingezwängt in knappe Klamotten für Zwanzigjährige. Die Dellen ihrer nackten Oberarme reiben sich an meinem Prince-T-Shirt, auf das mich ein glatzköpfiger Typ, der auf dem Rand der Bühne sitzt und sich eine raucht, anspricht. Ob ich denn auf der Tour gewesen sei. Wir kommen ins Gespräch, verplaudern uns nett die Zeit. Um kurz nach halb neun wird es dunkel. Eine papageigrün gekleidete Dame tritt ans Mikro, erzählt irgendwas mit „funky“, man kann sie kaum verstehen. Ihr greller Dress passt auch überhaupt nicht zu den maßgeschneiderten Anzügen der Musiker, die nun auf die Bühne treten. Ein dicker Bassist schlägt den Groove vor, in den sich nach und nach alle einfinden. Der grüne Papagei krächzt munter seinen Sermon weiter, der irgendwann mal, endlich, mit „MACEO“ endet – und da steht er auch schon, dieser ältere smart lächelnde Herr mit seinem Maßanzug, der coolen Sonnenbrille und dem goldblitzenden Saxofon in der Hand. Über alles, was jetzt folgt, wurde schon tausendmal geschrieben, und es ist ein Leichtes, sich aus dem unerschöpflichen Repertoire von Phrasen und Gemeinplätzen, die es zu Maceo Parker live gibt, zu bedienen. Einer dieser Sätze stammt von ihm selbst: "Two Percent Jazz and 98 Percent Funky Stuff!" – und das trifft natürlich auch auf den Abend im Domicil zu. Will sagen: Wer zu einem Maceo-Parker-Konzet geht, weiß, was ihn erwartet, der will auch nichts anderes sehen und hören: All die Großtaten, die der Grandseigneur im Laufe der Jahre uns schon vorgeblasen hat, natürlich viel James Brown, zwischendurch ein par Solo-Sachen oder ein Rap vom Sohn Corey Parker. Und weil uns Maceo nicht die ganze Zeit einen blasen kann, singt er auch, z.B. eine Ballade von Ray Charles, oder fordert das Publikum immer wieder dazu auf, nicht nur ihn alleine zu ehren: „What about the band?“ – noch so eine Phrase, die es am Merchandise-Stand sogar als T-Shirt gibt. Zu Recht, denn die „Band“ ist natürlich weltklasse: stets zu Diensten, aber auch antreibend, setzt sie Pointen und Akzente und vereinigt doch alles zu einem einzigen, unwiderstehlichen Groove. Wenn ich nun Greg Boyer stellvertretend für die anderen hervorhebe, dann nur, weil er direkt vor mir stand und weil er sich angesichts meines T-Shirts und meiner Huldigungen das ein oder andere süffisante Lächeln nicht verkneifen konnte. Macht nix, ich wollte halt nicht anders, als mich wie ein pubertierender Teenager freuen, der mit seinen Helden mal Tuchfühlung halten darf. Eine Erwartung wurde übrigens doch nicht erfüllt: Inklusive Zugabe spielte die Band nur zwei Stunden und fünfzig Minuten. Ein Maceo-Konzert, das unter der Drei-Stunden-Marke bleibt? Das war wirklich ungewöhnlich.
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Steven Bascom
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2:21 PM
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Mal ganz ehrlich: Das Juicy-Beats ist im Vergleich zum Haldern die altherrengerechtere Veranstaltung: Nach einem Festivaltag kann man wieder daheim im eigenen Bett schlafen und wird nicht morgens um drei von weltschmerzgeplagten Emo-Kids geweckt, die auf das ohnehin schon klamme Zelt kotzen; man muss nicht über dem hungrigen Allesfresser-Schlund eines Dixi-Klos defäkieren, außerdem ist man in Dortmund auch dann noch styletechnisch vorne mit dabei, wenn sich das lichter werdende Haupthaar nicht mehr ohne Weiteres zum Playmobilscheitel kämmen lässt. Das alles entscheidende Argument ist jedoch: Beim Haldern ist das Wetter immer mies, beim Juicy Beats nie!
Und weil das Ding ja eigentlich schon lange gelaufen ist, hier nur das Wichtigste im Schweinsgalopp: An der Ananasbühne die mit reichlich Verspätung aufspielenden Monoland gesehen. Die wenigen Anwesenden saßen hinten oder seitlich im Schatten und nuckelten vor der knallenden Sonne geschützt am mitgebrachten Eistee-Tetrapack. Das war alles nicht besonders spannend, aber sehr gemütlich. Gleich danach ging’s weiter zum Höhepunkt des Tages: Jamie Lidell, Gewinner im diesjährigen Joan-Collins-Morgenmantel-Lookalike-Contest und Fackelträger des crooning im 21. Jahrhundert. Einnehmend, irrsinnig, druckvoll und mit einer Sprühdose Ideen unterwegs. Jamie jagte James Brown durch seine Sequenzer und anschließend durch die Menge, auf der Suche nach mehr oder weniger freiwilligen Begleitsängern. Mich hielt er wohl für einen solchen. Arm auf der Schulter, Mikro im Gesicht, 15 Sekunden Ruhm. Es gibt zwar Zeugen, aber leider keine Fotos. Kurze Atempause, rüber zur Orange. Erobique lässt sein Standardprogramm ablaufen, diesmal mit etwas mehr Bock auf Disco, mein großer Bruder Disco, mit dem ich immer wieder gerne tanzen gehe. Zwischendurch ein paar peinliche Luftpiloten auf der Bühne: Arme auf waagerecht, Handflächen nach oben und mit der Nase den Horizont pinseln. Dann im Prinzip nahtloser Übergang zu Egoexpress, die mit ihren Beats mein Rückenmark betäuben. Das ist gut so, so spüre ich meine Beine erst nach dem Set. Höchste Zeit fürs Ausstrecken auf der Festwiese, während Senor Coconut ein paar Cocktails mixen. Entspanntes Leute-glotzen. Schließlich die mit Spannung erwarteten Coldcut. Enorme Equipment-Geschütze werden aufgefahren, die Reize feuern aus allen Rohren, doch ist mir diese Klang- und Bildkakophonie zu zerfahren, die Performance zu richtungslos, als dass sie mich wirklich fesseln kann. Und kein Mensch braucht heutzutage noch ein „Pump up the volume“-Sample. Ich bin erstaunt, aber nicht ergriffen. Macht nix, dennoch der würdige Abschluss eines fidelen Tages. Freue mich schon voll auf die 12.
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Steven Bascom
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11:46 AM
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Antony & The Johnsons in der Schorndorfer Manufaktur, 17. Juni 2005
Die schwere Hitze sitzt uns bereits im Nacken als wir in die Manufaktur eintreten. Drinnen legt sie uns noch weitere Gewichte um den Hals. Der Saal ist recht gut gefüllt, alle Stühle sind besetzt. Schweiß wohin man riecht. Ich versuche meinen von der langen Fahrt müden Körper mit Flüssigkeit zu stärken, doch es nützt nichts, ich muss unbedingt sitzen. Entlang der rechten Seite, zwischen Wand und Stuhlreihen, tun sich noch einige Lücken auf. Wir versuchen so weit wie möglich nach vorne zu gelangen, endlich kann ich mich auf den Boden sacken lassen, meinen Rücken gegen die Wand lehnen und mich über die fast freie Sicht freuen.
Rechts von mir streckt ein Mädchen blasse, aber kräftige Beine unter einem luftigen Rock hervor und dreht mir ihre schön geschwungene Schulter zu. Ihr Alter ist schwer zu schätzen, sie wirkt jedenfalls noch sehr jung. Unruhe und ein derber Geruch von Fruchtbarkeit gehen von ihr aus. Endlich, das Licht wird gedämmt. Doch dann passiert eine ganze Weile gar nichts. Mein müder Blick folgt heimlich den Fingerkuppen des Mädchens, die auf nervösen Wegen über schwitzige Knie trippeln. Dann werfen ein paar Leuchter bunte Kegel auf die Bühne, dort wo neben einem gewaltigen Piano Cello, Bass, Violine und Akkordeon aufgereiht sind. Applaus: Fast lautlos schleichen einige Musiker zu den Instrumenten und nehmen vorne rechts ihre Plätze ein. Wieder Applaus als schließlich eine mächtige und schwammige Masse Mensch mit langem schwarz gefärbten Haar, dunkelroten Doc Martens und einer Umhängetasche an ihnen vorbeischlurft und sich an den Flügel setzt. Dann geschieht etwas für mich Außergewöhnliches. Bis dahin hatten Müdigkeit und drückende Hitze eine trübe Gleichgültigkeit in mir genährt. Als sich jedoch die traurig nach unten gebogene Sichel im feisten Gesicht dieses Meat Loafs einen Spalt weit öffnet und daraus die ersten zaghaften Töne durch den Raum schwirren, stürzt ein unerwarteter Schwall von Emotionen auf mich herab. Und zwar mit einer derart einnehmenden Gewalt, dass ich nicht anders kann, als mich dieser Stimme, die im Gender-Nirgendwo zwischen Elvis und Billie Holiday vorwurfsvolle Klagelieder an ein falsch auferlegtes Geschlecht richtet, hemmungslos hinzugeben.
Überall im Saal aufrichtige Ergriffenheit. Ich schließe die Augen und lasse alles willig mit mir geschehen. Vielleicht werde ich nie wieder so im Reinklang mit mir Lächeln, denke ich. Und ganz sicher werde ich nie wieder so dämlich dabei aussehen. Aber das ist mir in dem Moment egal. Sogar als mir ein paar Tränen über die Wange laufen, empfinde ich keine Scham.
Ich öffne die Augen erst wieder, als das Mädchen neben mir immer unruhiger wird. Man hört sie mit einer Freundin tuscheln. Hektisch klaubt sie ihre Sachen zusammen, schnellt auf, schiebt sich an mir vorbei und mit ihr ein Brodem von kruder Weiblichkeit. Auf dem Platz, wo sie gesessen hat, bleibt dunkle Schliere auf dem Boden zurück. Es ist ganz offensichtlich, dass das Mädchen menstruiert hat. Niemand saß an diesem Abend wohl näher an den Koordinaten der Antonyschen Selbstfindungstherapie als dieses blutende Mädchen. Denn in seiner Trauer – über den falschen Körper, mit dem er zur Welt kam, über die Frau, die er nie sein durfte, über die Kinder, die er niemals würde gebären können – menstruiert auch Antony. Jedes Lied eine neue quälende Monatsblutung, der immer wieder aufs neue heraufbeschworene Schmerz über die verpasste Chance eines vielleicht erfüllten Lebens. Antonys Geschichten erzählen von diesen ausgeschlagenen Möglichkeiten: Denn dort darf auch ein Jabba the Hutt verführerische Venus spielen, darf von wohlriechenden Stuttgarter Buben schwärmen, Frau sein und sich als hilfloses Kind gebären. So wie im Schlussakkord des vierten Liedes auf "I am a bird now": “Forgive me, Let live me, Set my spirit free, Weakness sown, Overgrown, Man is the baby”.
Eingestellt von
Steven Bascom
um
12:58 AM
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Labels: Konzerte