Posts mit dem Label Notes werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Notes werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Freitag, September 18, 2009

Die Herzen fallen weich - Fennesz vs. Sparklehorse

In schöner Regelmäßigkeit bringt der unabhängige Niederländische Musikvertrieb Konkurrent die Reihe „In the Fishtank“ heraus. Dabei werden Musiker unterschiedlichster Herkunft ins Aufnahmestudio eingeladen, wo sie für ihre Kollaboration zwei Tage absolute Narrenfreiheit bekommen. Für Ausgabe 15 könnte das Experiment kaum aufregender sein. Hier kommen zwei Klang-Konzeptionisten zusammen, deren musikalische Kräfte förmlich danach drängen, sich aneinander zu reiben und aufeinander zu wirken: Der österreichische Laptop-Gitarrist Christian Fennesz und der schrullige Lo-Fi-Popper Mark Linkous von Sparklehorse. Erste Begegnungen gab es bereits bei gemeinsamen Live-Auftritten. Dort deutete sich das an, was hier auf sieben Stücken ausgedehnten Freiraum bekommt: Das Ausbreiten großzügiger Klangteppiche, auf denen akustische Settings und elektronische Clicks und Cuts mal lange Spaziergänge unternehmen („Music Box Of Snakes“), mal nervös herumwuseln („Shai-Hulud“) oder sich im verzerrten Eskapismus gefallen („NC Bongo Buddy“). Meist wird auf Gesang verzichtet, doch wenn Mark Linkous seine Stimme zu wenig mehr als einem Flüstern erhebt, spürt man wieder dieses Ziehen in der Brust („If My Heart“). Keine Sorge, das Wasser im Fischtank ist warm, die Herzen fallen weich.

Montag, Mai 18, 2009

Black Dice - Repo

Machen wir uns nichts vor: Die Zentralstelle für amtlich beglaubigte Innovationen im Fachbereich Musik hat ihren Sitz nicht in Bergkamen, nicht in Bochum, ja nicht einmal in Berlin, nein, wirklich Aufregendes entsteht wie an kaum einen anderen Ort zurzeit in Brooklyn, New York. Selbst mit einem fünften Album kann man von hier aus die andernorts nachrückenden Myspace-Bands zur Verzweiflung bringen. Die werden vor dem Hochladen ihrer neuesten MP3 wohl noch mal in sich gehen, sobald sie hören, dass Eric und Bjorn Copeland sowie Aaron Warren von Black Dice auf ihrem neuen Werk Repo ein paar Klassen entdeckungsfreudiger und respektloser agiert haben. Es wäre nun töricht, für die Beschreibung dieser Musik Bandnamen mit ähnlicher Ausrichtung aufzuzählen oder die Titel der Stücke zu zitieren. Denn Black Dice interessieren sich weder für Vorbilder noch für Songs im traditionellen Sinne. Vielmehr geht es ihnen um die Erschaffung von Sounds jenseits altbekannter Strukturen, ja im Grunde bilden die 14 Einheiten eine zusammenhängende akustische Sequenz, die in alle Richtungen zischt, ruckelt und mäandert und die in ihren tieferen Schichten mit einer Art Frickel-Rave für Philosophen begeistert. Wer hier die Melodien zum Mitpfeifen vermisst, den soll der Klaus Meine holen.

Freitag, April 17, 2009

Lacrosse - Die Schweden-Häppchen

Da haben wir nun sechs junge und sehr hübsch anzuschauende Hipster aus Stockholm (ein Mädchen, fünf Jungen), die mit kesser Pop-Attitüde und energetischem Spiel angetreten sind, allen noch frühjahrsmüden Langschläfern frische Sounds durch die Boxen zu blasen. Die schwedische Band Lacrosse klingt, als spielten aufgeregt herumtrippelnde Kinder Musik für Erwachsene. Und das ist bitte als Kompliment zu verstehen.

Der erste Song der neuen Platte „Bandages For The Heart“ nennt sich denn auch passend dazu „We Are Kids“. Überhaupt stecken die Songtitel das musikalische und programmatische Terrain des zweiten Lacrosse-Albums präzise ab. „I see a Brightness“ ist dreist unromantischer Sonnenschein-Rock, daneben gibt „It’s Always Sunday Around Here“ eine unbefangen-schrammelige Hymne auf die Lazyness des Lebens ab. Wie auf ihrem Debut “This New Year Will Be For You and Me” hüpfen Lacrosse mit fröhlicher Zuversicht gen Zukunft, sind dabei aber nicht mehr so leichtsinnig und keinesfalls naiv. Vielleicht war es der Produzentenschliff von Jari Haapalainen (Moneybrother, The International Noise Conspiracy), der die Musik von Lacrosse noch kantiger gemacht hat. Sie zu hören ist jedenfalls ein wenig so, wie Unmengen leckeres Eis zu essen und dabei das Bauchweh am Abend in Kauf zu nehmen; oder im Freibad auf der Wiese zu liegen, und freudig darauf zu warten, dass man vom Nächsten, der aus dem Wasser steigt, nass gespritzt wird. So stehen auf „Bandages For The Heart“ die unbefangenen Momente gleichberechtigt neben den nachdenklichen; im Titelsong zum Beispiel oder im verzweifelten, aber entschlossenen „Excuses, Excuses”: But I’m sick of these excuses / It’s not that hard to say goodbye. Am Ende des Albums heißt die entscheidende Frage dennoch: What’s wrong with love? Ja was eigentlich? Der Frühling braucht nicht mehr kommen, er ist schon längst da.

Donnerstag, Februar 05, 2009

Sin Fang Bous - Clangour

Aus Island erreicht uns nicht nur Musik von drückender Traurigkeit. Die Insel beheimatet auch den wunderbar leichten Folkpop der Band Seabear. Ihr Sänger und kreativer Motor Sindri Mar Sigfusson fand auf der Suche nach einem Ventil für seine unzähligen musikalischen Ideen zum Solo-Projekt Sin Fang Bous.

Auf Clangour – so der Titel des ersten Longplayers – wird in ausgewogener Balance aus Experimentierfreude und Eingängigkeit ein schillerndes Mosaik aus findig ausgesuchten musikalischen Elementen zusammengewerkelt. Ob intuitive Songwriter-Miniaturen (Poirot), virtuose Indie-Etüden (Clangour And Flutes) oder durchdachte und variationsreiche Pop- und Folk-Ausarbeitungen (Catch The Light; Melt Down The Knives; Lies): Allen Liedern wohnt der Drang zur Weiterentwicklung inne und vor allem das Vergnügen am kreativen Spiel mit Instrumenten und Tönen. Dass Sigfusson ein großer Bastelfan ist, beweist zudem sowohl das Album-Cover als auch das Video zur ersten Single Advent In Ives Garden: Liebevoll in Szene gesetzte Figuren, mal gezeichnet, mal aus Pappmaché geschnitten und animiert, bestimmen das Geschehen und erinnern in ihrem Arrangement an die Traumsequenzen aus Michel Gondrys Film Science Of Sleep. Überhaupt gäbe Clangour den idealen Soundtrack für einen verspielten Animationsfilm ab. Den höchsten Anspruch stellte Sigfusson bei der Produktion des Albums übrigens an sich selbst, sicherlich auch, um das Profil des eigenen Projektes gegenüber seiner Band Seabear zu schärfen: „I wanted to try to do stuff with my voice I hadn’t done before so there's some singing above my range there and singing through lots of effect stuff.“ Auf Clangour wird die Herausforderung gesucht und zugleich Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten gefunden. Damit öffnen sich kunterbunte Klangräume, die immer neue Eindrücke bieten, je öfter man sie aufsucht.

Montag, September 15, 2008

Jersey - Itinerary

Jersey nennen ihr Album Itinerary. Dazu steht im Wörterbuch: Route, Reise, Reiseverlauf. Den Beginn markiert ein Schild, auf dem steht: It’s the song, not the singer. Wo wurde man zuletzt von einem Instrumental wie Moondial derart eingefangen? Richtig, auf If You Had Stayed von Contriva. Überhaupt Contriva: Jersey stehen ihnen sehr nahe, nicht nur, weil der Gitarrist Max Punktezahl in beiden Bands spielt. Auch, weil dies Musik ist, die einem beisteht, die begleitet, den Weg weist. Musik als Freund, der einem die Tür öffnet, wenn man in verzweifelten Momenten nicht weiß wohin. Musik, die Energie freisetzt, Entschlossenheit zurückgibt und Grimassen schneiden lässt, weil alles doch nur halb so schlimm ist. Denn es gibt sie, Lieder wie Touch The Ground, Shoeshine oder Icebound, die in irgendwelchen Parallelwelten Riesenhits sein müssen, im Diesseits bei Radio Power Play jedoch niemals laufen werden. Macht nichts, man will sich ja auch nicht von jedem Hansel grüßen lassen. Zu guter Letzt ist man kurz versucht, pathetische Sätze über Jerseys Songwriting zu formulieren oder darauf hinzuweisen, dass zwischendurch auch gesungen wird. Doch belässt man es lieber bei einem Kalauer und gibt der Platte – Obacht! – die volle „Punktezahl“. Myspace

Dienstag, September 02, 2008

Das Mutterschiff hält Kurs! Die Türen - Booty

Reibt die Gesäße aneinander bis sie funky Funken schlagen: Die Türen lassen ihr Album Popo durch den Mixer jagen. Es zählt, was hinten rauskommt: Booty.

Sänger Maurice Summen: „Wir haben mit einer Rundmail Produzenten in unserem erweiterten Bekanntenkreis eingeladen, sich ein Stück unseres Albums ‚Popo’ auszusuchen und neu zu interpretieren.“ Im Verteiler standen illustre Gestalten aus dem Dreieck Hamburg, Münster, Berlin: Die dauergrinsende Kunstfigur Alexander Marcus feuert direkt aus dem Schlager-House ein "Tanz den Tanz"-Manifest gegen die Zwänge der Arbeitswelt. Malente, Ex-König des Pop, zerhackt "Sei Schlau, Bleib Dumm" zu minimalistischen Worthülsen aus der Kurznachrichtenhölle; Bobby Conn versetzt dem Disco-Tiger "Amore Mio" eine bluesige Betäubungsspritze und der als Bonus-Mp3 angehängte Erobique-Remix, gibt sich, wie auch das Plattencover, ganz als Reminiszenz an Trio, die NDW-Ahnen im Geiste. Weitere Remixe kommen u.a. von Viktor Marek, Mense Reents und Michael Mühlhaus.

Was von Popo übrig bleibt sind, trotz aller Filter, die stichelnden Verweise und überkandidelten Karikaturen zum Thema „Arbeit und Soziales“. Was das Ganze soll, wird gleich im ersten Stück gefragt: Alles nur „postmoderner Zitatenschnickschnack“ von füreinander schaffenden Irren? Ist das Satire? Ist es Politik? Beides? Es ist vor allem eins: Das Gegenteil von langweilig. Und die Türen zeigen Charakter, denn wer außer ihnen hat heutzutage noch die „Eier“, sich Disco-Slogans auf die Stirn zu ritzen und dem Gefühl zwischen Hoffnung und Verzweiflung beim Warten in der Job-Center-Schlange die passenden Grooves zu geben? Die CDU Bundestagsabgeordnete Kristina Köhler mag das als „relativ abgefahren“ bewerten. Andere erleben es als alltägliche Prosa der Verhältnisse. Hut ab also vor den Westfalen aus Berlin. Ihr Mothership hält Kurs.

Montag, Mai 26, 2008

Die verlorene Unschuld

Der Fahrer neben ihr rast auf den Tod zu. Doch nicht ihr bisheriges Leben, sondern, ein zukünftiges, ein mögliches zieht an ihr vorbei. Und nun? Soll sie ins Lenkrad greifen?

Seinen achten Film und preisgekrönten Berlinale-Beitrag hat der Regisseur Christian Petzold nach Yella Rottländer, der Hauptdarstellerin aus Wim Wenders Road-Movie „Alice in den Städten“ benannt. Beide Werke kreisen um dieselben Sujets: Selbstentfremdung, (berufliches) Scheitern, Flucht in eine unverbindliche Mobilität, Heimatlosigkeit. Während die kleine Alice in Wenders’ Film mit ihrer kindlichen Unschuld einen Erwachsenen wieder zu sich selbst zurückführt, verliert die erwachsene Yella in der Welt des Kapitals jedoch den Bezug zum Ich. Nachdem die Firma ihres Mannes Konkurs ging und daraufhin die Ehe zerbrach, will Yella weg aus Wittenberge, um auf der anderen Seite der Elbe im Westen ihr Glück zu versuchen. Zunächst scheint ein Neuanfang möglich: Sie erkämpft sich Annerkennung als Assistentin für eine Private-Equity-Gesellschaft und auch die Liebe hält in ihrem Leben wieder Einzug. Aber die aalglatte Oberfläche der glänzenden Bürotürme weist von Anfang an Risse auf. Philipp, ihr Chef und Geliebter, arbeitet gezielt auf einen Betrug hin, zu dessen Komplizin sie sich macht. Und dann wird sie bei ihren knallharten Verhandlungen immer wieder von diesen merkwürdigen Geräuschen heimgesucht. Mal ein Rauschen in den Wipfeln, mal das Kreischen eines Vogels: Mahnende Rufe aus der weggeworfenen Vergangenheit, die Yella fort von den Meetings in einen symbolgeladenen Märchenwald locken. Hinter diesen Grenzlinien zwischen Traum und Wirklichkeit gewinnt der Film eine erstaunliche Tiefe. Zudem spielt Nina Hoss die Hauptfigur mit ruhiger und bestechender Intensität. Am Ende sitzt Yella wieder im rasenden Auto und trifft eine bemerkenswerte Entscheidung.

Dienstag, Mai 13, 2008

Woog Riots - Pasp

Die deutsch-italienische Freundschaft zwischen Silvana Battisti und Marc Herbert hat eine neue musikalische Wundertüte gebastelt: „pasp“ steht da drauf und mit jedem Stück, das man herausfischt, kommt mal mehr mal weniger kapriziöser Ulk zu den Themen people, animals, society und places zum Vorschein. Da muss sich ein Paul McCartney genauso Ratschläge gefallen lassen (Go! and write a song, don’t love your country) wie der Oktopus Indiskretionen über sein submarines Liebesleben. Über den Islam Punk wird auf Italienisch sinniert, bis der Night Bus einen schließlich zur falschen Seite der Stadt gebracht hat. Und überhaupt: everyone should move into a hotel room! Wie schon auf dem Vorgänger Strangelove TV changieren die Lo-Fi-Eskapaden der Woog Riots zwischen geistreichem Dancepunk und kurzweilig-bunter Gimmicks aus dem Kaugummiautomaten. Dabei haben die Unruhestifter hörbar viel Spaß gehabt. Auf Backstage Lemonade singt übrigens keine Geringere als Kimya Dawson mit. Bitte also nicht über Vergleiche mit den Moldy Peaches oder die immer wieder heraufbeschworene Nachbarschaft zum „Anti-Folk“ wundern. „Tweelectro“ hat das aber offensichtlich noch niemand genannt. Dies sei hiermit nachgereicht. Myspace.

Sonntag, April 06, 2008

Elmore Judd - Insect Funk

Elmore Judd sind eine Bande funky little nerds aus London, die unter der Regie von Frontmann Jesse Hackett und mutmaßlich unter Drogeneinfluss die besten Platten von Sly Stone, George Clinton und Don Van Vliet in den Destillator gepresst haben, um die so gewonnenen Ingredienzien zu einem halluzinogenen Gebräu zu mixen. Auf Insect Funk wimmelt es von sinistren Gestalten, die elektronisches Akkordeon spielen (Pirate Song), während nervös herumkrabbelndes Getier sich die Hörner abstößt (Rats) oder drollige Teufelchen in schallendes Free-Jazz Gelächter ausbrechen (Evil Laughs). Das Füßejucken zwischendurch ist übrigens völlig normal, im Gegenteil, wessen Beine zu Disco In 4 Pieces oder dem Tron Song nicht zu zappeln anfangen, der sollte sich mal wieder gründlich durchchecken lassen. Für tiefe Verbeugungen vor großen Idolen sind Elmore Judd sich ebenfalls nicht zu schade, wobei man zum Snakefinger-Cover Don’t Lie ordentlich griechischen Wein gekippt hat. Und schließlich ist da noch die Single We Float In Time, die einem erbarmungslos ins Ohr kriecht und bereits für heißlaufende DJ-Teller sorgt. André 3000 und all die anderen Checker, cremt euch gut mit Autan ein. Hier kommen die neuen coolen Stecher. Myspace.

Mittwoch, März 12, 2008

Reich und Schön – The Miserable Rich


Da spielten also diese beiden hochtalentierten Musiker in Rom auf einer Hochzeit vor handverlesenem Publikum. Überall Aristokraten mit viel Geld. Irgendwie musste man sich ja seine Brötchen verdienen. An jenem Tag fand die Band zu ihrem Namen: The Miserable Rich.

Der Cellist Will Calderbank und Folk-Elektroniker James de Malplaquet hatten zuvor bereits in verschiedenen Projekten und Gefügen aus dem Brightoner „willkommen collective“ zusammengearbeitet, einem Netzwerk aus Bands (z.B. Shoreline), die untereinander im lebendigen (Musiker-)Austausch stehen. In diesem Umfeld erhielten sie die Anregungen und Kontakte, aus denen sich schließlich das musikalische und personelle Profil von The Miserable Rich formen sollte. Komplettiert wurde das Quintett durch Mike Siddell (Violine), Lindsey Oliver (Kontrabass) und Jim Briffett (Gitarre).

Mit ihrer Cover-Version von Hot Chips Over And Over konnten The Miserable Rich über die Wellen von BBC und FM4, also weit über die Kollektiv-Grenzen Brightons hinaus, erstmals auf sich aufmerksam machen. Ihre Interpretation reduziert den Tanzflächen-Hit auf ein intimes Kammerspiel aus grazil gezupften Saiten und entzückendem Gesang und gibt damit die Grundbausteine eines jeden Songs auf ihrem Album 12 Ways To Count vor. Sie selbst nennen das Ganze „The Sound Of One Lip Kissing“ und auch, wenn damit die Sanftmut der Musik adäquat beschrieben sein mag, so ist doch nichts über ihre frappante Wirkung gesagt: Auf Boat Song, Pisshead oder Muswell streichen die Musiker mit ihren Bögen direkt über die Nervenstränge der Wehmut und spielen Melodien, die sich, so reich wie schön, auf leisen Sohlen ins Bewusstsein schleichen. Und die nicht weniger abgeben als den auf ewig nachklingenden Soundtrack zu einer betörenden Liebesnacht. Myspace.

Donnerstag, Dezember 13, 2007

Lichtschutzfaktor Leidenschaft - Rykarda Parasol

Ein strenger Blick wie Faye in „Bonnie and Clyde“, eine Stimme, die dunkle Erinnerungen an Patti Smith weckt und ein Nachname, der so viel wie „Sonnenschirm“ bedeutet: Bei Rykarda Parasol wird das Dräuende, Abgründige und Dunkle zum Programm und zum wertvollen Pfand, mit dem sich die fille noire aus San Francisco in die Riege bemerkenswerter Debütantinnen gewuchert hat.

"Our Hearts First Meet" heißt ihr erstes Album, nachdem 2003 bereits die EP "Here She Comes" erschienen war. Fünfzehn rätselhafte Folk-Songs, die schwere Titel tragen, etwa "How Does A Woman Fall" oder "Lonesome Place"; in denen verzweifelte Sätze fallen wie "The sky has gone black on us / Don’t you weep" oder "I made a decision when nothing was good / And I knew I would lose". Worte also, die immer wieder auf das Abgründige unter der ansehnlichen Oberfläche verweisen, auf die dunklen Strähnen zwischen dem gefärbten Blond. Es geht um Hereinfälle, verschmähte Liebe und Einsamkeit. Nur selten dringt durch den Sonnenschutz Licht an diese Lyrik. Dennoch glimmt in Rykarda Parasols Musik die Leidenschaft, denn es sind gerade die obskuren Stellen, von denen eine eigentümliche Anziehungskraft ausgeht. So mancher Hörer wird sich im Geiste in jene verrauchte Bar sehnen, wo man zwischen Girls und Gangstern einen Gin nach dem anderen herunterkippt, während aus der Juke-Box abwechselnd „Hannah Leah“ und „Candy Gold“ quäken.

Natürlich hat dieses Setting düsterer Motive auch etwas Kalkuliertes, bleibt in seinem Charakter aber stets würdevoll und glänzt vor allem durch Stil. Und wenn die Musik den Hörer so erwischt wie auf "Our Hearts First Meet", ist Stil ein willkommener Attraktivitäts-Bonus. Das nächste Album von Rykarda Parasol hat hoffentlich einen ähnlich hohen Lichtschutzfaktor. Der blasse Teint steht ihr nämlich vorzüglich. (Foto Credits www.XavierGomez.com © 2007)

Sonntag, Oktober 28, 2007

Johann Johannsson: Englabörn

Es gibt nicht viele Alben, die in gerade mal 5 Jahren bereits zum Klassiker gedeihen. Englabörn, dem 2002 erschienenen Debüt des isländischen Tonkünstlers Johann Johansson, ist dies ohne großen Promotionsrummel gelungen. Die Nachfrage nach diesem sehr schnell vergriffenen und ursprünglich als Vertonung eines gleichnamigen Films gedachten Werk war so beachtlich, dass es nun eine Neuauflage erfährt. Zu Recht, denn die schlafwandlerische Sicherheit, mit welcher Englabörn eine Richtwerte setzende Symbiose von Mensch und Maschine erschaffen hat, kann gar nicht genug gewürdigt werden. Hier kommt zusammen, was eigentlich nicht zusammen gehört: Computer-Voices und orchestrale Akustik formulieren eine Neu-Definition des Humanoiden. R2-D2 gesellt sich zu einem Streichquartett, vor dessen natürlichem Klangkörper er aus blecherner Brust ein lateinisches Gedicht anstimmt. Es sind starke Kontraste, mit denen die Musik ihre Zuhörerschaft in einen unausweichlichen Bann zieht. Derart sprachlose Gesichter dürfte man zuletzt bei Konzerten von Johannssons Landsmännern Sigur Rós aufgesetzt haben. Noch gehen uns diese Melodien viel zu nahe, doch in 15 Jahren wird man zurückschauen und in einem Stück wie „Odi et Amo“ das Wegweisende erkennen. Der Autor dieser Zeilen bittet übrigens mit Nachdruck, man möge ihn zu gegebener Zeit an seine Worte erinnern.

Donnerstag, September 20, 2007

In eigener Sache. Donna Regina - More

Wer zuletzt in einer mittelgroßen Stadt im Ruhrgebiet regelmäßig ins Kino ging, bekam in schöner Wiederkehr Donna Reginas How Beautiful zu hören. Ein lokaler Energieanbieter hatte offensichtlich Geschmack bewiesen und seine Werbebotschaft mit der hübschesten Musik, die man dafür hätte aussuchen können, unterlegt. Nicht zum ersten Mal war eine PR-Abteilung aufmerksam gewesen: Bereits vor Jahren hatte der Spot eines Autoherstellers den Klangwelten aus Köln große Popularität in Japan beschert.

Auch auf More, dem mittlerweile 10. Album von Donna Regina, finden sich einige Stücke, die wie geschaffen für die Untermalung von bewegten Bildern sind. Das liegt an den vielen offenen Andeutungen von musikalischen Motiven, die weiten Raum für Assoziationen lassen. Und an der sanften Verzagtheit der Stimme von Regina Janssen, die ihre Geschichten dagegen perspektivisch absteckt und die Welt stets nur in Ausschnitten besingt. Good Morning Day etwa bietet durch seine einminütige Prägnanz die ideal begrenzte Projektionsfläche für die eigene Erinnerung an verharschte Tage, auf denen man mal wieder ausgerutscht ist. Heart Oh Heart wiederum kartographiert in epischer Breite nie gesehene Traumlandschaften, während sich Dream On als heimlicher Hit des Albums empfiehlt. Und im Titelstück gleitet ein elektrisiertes Glockenspiel über sich nur gemächlich entwickelndes Schlagwerk – das musikalische Pendant zu der Einsicht, dass man vom Leben immer mehr erwartet als es zu geben bereit ist.

So liefern die zehn Stücke auf More Mini-Soundtracks zu ungefähren Ortschaften, die ihre aparte Schönheit erst im Auge des Betrachters vollends entfalten und deren Eigenart der Hörer durch seinen Besuch immer auch ein kleines bisschen mitgestaltet. More gibt einem die Eintrittskarte zum eigenen Kopfkino in die Hand. Es wäre demnach nicht verwunderlich, wenn sich die nächste große Kampagne wieder bei Donna Regina bedienen würde. Die beste Werbung hat das Duo jedenfalls in eigener Sache gemacht. More